Ötzi-Walk Ausrüstung und Ötzi




Ötzi Walk

Ab morgen ist es soweit. Lukas, Veronika und Marco (v. r.) machen sich auf den Weg von Detmold über Herne nach Bonn.

Warum? Die diesjährige Landesausstellung REVOLUTIONjungSTEINZEIT steht vor der Tür. Am 05.09.15 geht es los. Zum Auftakt machen sich die drei auf den Weg, um in jungsteinzeitlich nachempfundener Kleidung das Leben der ersten Ackerbauern NRWs besser kennzulernen.

Was ist daran besonders? Alle Ausrüstungsgegenstände wurden selbst gefertigt. Aus Leinen, Leder und Fell. Sogar die Rucksäcke sind archäologischen Funden dieser Zeit nachempfunden. Ötzi trug ein Gestell aus Haselnussästen. Querverbindungen sind in unserem Fall ebenfalls aus Haselnuss gefertigt. 

Um die Äste zu biegen müssen sie stark erhitzt und unter Zugabe von Wasser gebogen werden.

Wieso das Ganze? Wir haben Spaß an der Natur und da sich koelner zeitreise sowieso mit Geschichte auseinandersetzt, ist der Sprung zur Archäologie gar nicht mehr so weit. Auch in Köln lebten vor rund 7300 Jahren bereits Ackerbauern und Viehzüchter. In Lindenthal wurde eine ganze Siedlung in den 1930ern ergraben. 

Wie kann ich die Wanderer verfolgen? Über das LVR-LandesMuseum Bonn, die koelner zeitreise Facebook-Seite und den Ötzi-Walk Blog könnt Ihr auf dem laufenden bleiben. und vielleicht laufen wir uns ja auch über den Weg.


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Köln in bunt

Ich stehe auf der Hohenzollernbrücke. Über das Geländer gebeugt, blicke ich hinab auf den Rhein. Er war bereits da, als das erste Schloss aufgehangen wurde, die Germanen beiderseits des Rheins lebten und Köln-Lindenthal noch ein Bauerndorf war.

Das Poltern der Züge lässt mich erzittern und ich frage mich, ob es den Kölnern vor über 150 Jahren genauso erging? Damals als die ersten Loks über die Gleise donnerten, mit ihren heißen Kesseln und den dampfenden Schloten.

Wahrscheinlich schon!

Sie fahren von links nach rechts und andersherum. Sie schaffen Verbindung. Sie bringen Menschen von hier nach dort.

Ich gedenke der Zeilen, die Ernst Stadler 1913 schrieb: Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht.

Auch heute noch finde ich das Gedicht seltsam bewegend und unheimlich, schön. Leier erinnere ich mich nicht mehr an alles.

 

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang.

Kein Stern will vor.

Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienter Minengang,

...

Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht bleichend, tot

etwas muß kommen. o, ich fühl es schwer

Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut.

Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer:

Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtzerissne Luft,

hoch übern Strom. O Biegung der Millionen

Lichter, stumme Wacht,

Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts

rollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!

 

Ich lenke meine Schritte in Richtung Ufer, vorbei an Menschen, die schlendern, radeln, stehen, laufen und schauen. Sie achten nicht auf den Rhein oder die vorbeirasenden Züge. Sie haben allein die vielen Schlösser im Kopf. Ich frage mich, wie viele noch folgen werden. Große, kleine, dicke und dünne, normale und auffällige. An einem baumelt eine Flex, ein anderes sieht aus wie ein Totenkopf.

Alles ist in Bewegung. Pärchen stehen am Geländer, manche lachend, andere weinend. Sie werfen Schlüssel und Schlösser hinein in den Strom, der wie selbstverständlich alles verschluckt. Ohne Kommentar, ohne ein Zeichen. Zumindest in dieser Hinsicht ist er verlässlich. Nur noch wenige Schritte vom Ende der Brücke entfernt denke ich an die letzten Zeilen Stadlers:

 

Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille.

Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut

und Drang

Zum letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust.

Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.

 

"Wo geht es hin?" fragt ein junges Mädchen ihren Freund.

"Ich weiß es nicht", ist seine Antwort. Und so folge auch ich meinen Schritten und lasse mich treiben - im Strom der Zeit.

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Köln in schwarz weiß

Ein Mann mit Zeitung sitzt neben mir. Er liest, ich denke nach. Es ist zwölf Uhr mittags und der Heumarkt ist relativ gut besucht. Männer mit Akten, Frauen mit Handtaschen, Jugendliche mit Handys und überall Tauben, die nach Essbarem suchen.

“So ein Mist”, brüllt der Mann neben mir ohne ersichtlichen Grund.

“Dass darf doch nicht wahr sein”.

Ich bleibe unbeteiligt und sitze da. Doch immer wieder unterbrechen mich seine Äußerungen in meinen Gedankengängen.

“Wieso legen Sie die Zeitschrift nicht beiseite?” frage ich.

Er reagiert nicht, sondern scheint sich ganz im Gegenteil noch mehr in das Blatt und das Gelesene hineinzusteigern.

“Sowas habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Warum tut nicht endlich jemand etwas gegen diese Plage”.

Ich überlege, wie wahrscheinlich ein Herzinfarkt bei dauerhaftem Stress in den Mitvierzigern ist und komme zu der Überzeugung, mein Handy griffbereit zu halten.

Was kann einen Menschen nur so an einer Pressemitteilung aufregen!?

Unsere Bank steht zwischen Latino Loco und dem Cafe Rosenow. Ich stehe kurz davor uns einen Tee zu besorgen, um meinen Nachbarn etwas abzulenken. Da fällt mein Blick auf die Bronzetafel am Pfeiler zwischen den Gebäuden.

Neue

Rheinische Zeitung

Organ der Demokratie

HIER BEFAND SICH VOM 28. AUGUST 1848 BIS 29. MAI 1849 DIE REDAKTION DER “NEUEN RHEINISCHEN ZEITUNG”. UNTER LEITUNG VON KARL MARX WIRKTEN HEINRICH BÜRGERS, ERNST DRONKE, FRIEDRICH ENGELS, FERDINAND FREILIGRATH, GEORG WEERTH, FERDINAND WOLFF UND WILHELM WOLFF AN EINEM DER BEDEUTENDSTEN BLÄTTER DER DEMOKRATISCHEN BEWEGUNG IN DER REVOLUTION VON 1848/49.


Ich durchforste meine Gedanken und erinnere mich zumindest an ein paar Fakten über Karl Marx und Friedrich Engels. Rädelsführer der Revolution, die 1848/1849 in Köln gelebt haben. Ideale wie Gerechtigkeit den Armen, Macht dem Proletariat und Meinungsfreiheit dem Volk gehen mir durch den Kopf. Ich weiß, dass sich diese Herren gegen die preußischen Besetzer wendeten und für Gleichberechtigung eintraten, doch auch, dass ihre Revolution erfolglos blieb.


Heute im 21. Jahrhundert spricht keiner mehr von Revolution in Deutschland. Doch sind die damaligen Themen immer noch aktuell. Die Polarisierung des Volkes durch mangelnde Berichterstattung und die Abhängigkeit der Presse von Staat und Wirtschaft, bringt auch mich um den Verstand. Mitleidig blicke ich auf meinen Partner und weiß nun, was ihm nahe geht.

Endlich springt er auf und wirft das Blatt beiseite.

“Gut so!”, denke ich.

“Dreimal in Folge. Das geht auf keine Kuhhaut. Die Viecher sollte man allesamt verbrennen!” brüllt er noch im Fortgehen.

Ich blicke hinunter, auf die am Boden liegende Zeitung. Neben den Headlines und einer halbnackten Frau auf der Titelseite sehe ich drei riesige Flecken. Beim zweiten Blick erkenne ich, dass es sich um Taubenkacke handelt.

Der Wind weht die Zeitung samt Inhalt fort. Vorbei an denkenden Menschen und fressenden Tauben. Ich weiß, sie haben recht. Einfacher als die Tauben hätte es niemand ausdrücken können.  

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Köln in grau

Grau ist der Tag, grau das Gebäude des Römisch-Germanischen-Museums, grau die Frau dort an der Ecke. Es muss am Nebel liegen.

Ich stehe vor der Auslage einer Buchhandlung am Roncalli-Platz. Beim Stöbern stoße ich auf das Buch "Die Kunst des Aufstiegs". Die Mutter mit Kind durchforstet systematisch eine der Boxen. Über Headset scheint sie ihrem Mann Anweisungen zu erteilen. Ihr Sohn, etwa fünf Jahre alt, pariert auf Blickkontakt wie ein Zinnsoldat.

Eine Mitvierzigern drückt sich energisch an uns vorbei. Im Stechschritt stöckelt Sie in den Laden. Mit präzisen Befehlen lässt Sie die Mitarbeiter tanzen und verlässt nur wenige Minuten später den Laden mit gefüllten Tüten.

Ein Mann steht verloren im Raum und schaut zaghaft umher. Auf ein schrilles Pfeifen hin setzt er sich in Bewegung. Ergeben sehe ich ihn, einer Frau folgend, um die Ecke biegen.

Mein Buch lege ich zurück und gehe. Noch völlig in Gedanken stoße ich mit jemandem zusammen. Noch etwas benommen ist Hotel Europa das erste, was ich sehe. Hotel Europa. War dies hier nicht vor über hundert Jahren der Salon des Cölner Frauenclubs? Ich bin mir nicht sicher. Ihm gehörten die Frauen der Kölner Oberschicht an: Deckmann, Oppenheim, Farina und Mathilde von Mevissen, die sich im Besonderen für eine Schul- und Universitätsbildung junger Frauen einsetzte. 

"Was fällt Ihnen ein. Haben sie keine Augen im Kopf"!

Ich spüre die Ohrfeige, noch ehe ich sie sehe. 

"Für Menschen wie Sie gibt es Irrenanstalten. Stehen Sie nicht so da! Helfen Sie mir doch meine Sachen aufzusameln!"

Die verstreuten Splitter meiner Seele ignorierend, sammle ich zwei Tragetaschen auf und reiche sie ihr. Schon rauscht sie an mir vorbei. Was bleibt, ist ihr Duft: Minze-Mandel, der so gar nicht zu ihrem Temperament zu passen scheint. 

Hotel Europa, die Kunst des Aufstiegs. Ich blicke zurück. Nebel deckt mich ein. 

Ich folge Minze und Mandel ins Ungewisse und frage mich, was geschehen ist. 

Ich fühle mich kraftlos und spüre zum ersten Mal das Verlangen, mein Leben in die Hände einer Frau zu legen. 

Der Nebel verzieht sich, doch der Tag, das Römisch-Germanische-Museum und die Frau, die immer noch an der Ecke steht, bleiben grau.

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Köln in rot weiß

Mein Weg führt vorbei am historischen Rathaus. Seit langem bin ich schon nicht mehr hier gewesen. Der ganze Platz ist nun mit Bauzäunen, Absperrband und Löchern übersät. Eine Familie höre ich scherzhaft über Haushaltslöcher sprechen. Tatsächlich finden hier die Ausgrabungen der über 2000jährigen Stadtgeschichte Kölns statt.

Hier sind Archäologen fleißig am Werk, legen die Reste des römischen Statthalterpalastes frei, bewegen Unmengen an Erdmaterial durch die mittelalterlichen Keller des jüdischen Viertels und versuchen alte Mauern von relativ neuen zu unterscheiden. Einst muss hier eine prächtige Synagoge gestanden haben, bevor der gesamte Bereich im Jahre 1424 der Stadt Köln zufiel.


Nicht zu glauben. Vor zehn Jahren war ich das letzte Mal hier um eine Hochzeit zu feiern. Außer Frauen, Männern und Kindern in allen Ausführungen gab es wenig zu sehen auf dem Platze. Ein Halbrund, das nicht so recht in die Szenerie zu passen schien, Mauern und Treppen, aber kein Anzeichen dafür, das auf diesen archäologischen Reichtum schließen ließ. Und nun umringt von feiernden Hochzeitsgesellschaften, die sich auf dem Areal zwischen Rathauslaube und spanischem Bau verteilen, liegen die Überreste des größten mittelalterlichen jüdischen Viertels nördlich der Alpen.


Motorendröhnen reißt mich aus meiner Träumerei. Direkt vor mir hält ein Hammerschlitten in weiß. Ein Mann Mitte Fünfzig am Steuer, neben ihm seine umwerfende Tochter.

“Halteverbot”, bringe ich freundlich hervor. Doch der Herr, mich keines Blickes würdigend, grabscht seiner Tochter an den nur halb vom roten Kleid bedeckten Hintern, während beide zum Rathaus gehen. Rot das Kleid, weiß der Wagen. Die Farben des Kölner Wappens, fällt mir gerade auf. Sind bestimmt voll korrekte Leute.

“Pass gut drauf auf”, höre ich ihn sagen. Ich denke: Krasser Typ und bin mir sicher, er meint mich.


Kaum sind die beiden durch die Renaissancelaube im Rathaus verschwunden taucht auch schon eine Ordnunghüterin auf. Knöllchen vorprogrammiert.

“Sollte das Auto in 20 Minuten immer noch hier stehen, gibt`s noch einen Strafzettel drauf”, höre ich die Dame  in Blau sagen.

“Selbst schuld”, denke ich und gebe mich dem fröhlichen Schauspiel hin. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Menschen kommen und gehen, Baustellenfahrzeuge verrichten ihre Arbeit und Reinigungskräfte kehren den Platz zwischen den Hochzeiten.

Das Ratsturmgeläut spielt Stockhausen. Zwölf Schläge später sehe ich Mann und Tochter von einer Menschentraube umringt das Rathaus verlassen. Wie es aussieht, haben sich die Familienverhältnisse geändert. Beide tragen einen Ring am Finger. Ihr inniger Kuss verrät mir, dass es keine Blutsbande gibt. Ihr Rock ist hochgerutscht und bedeckt nunmehr nur noch ihre Taille. Sie kommen auf mich zu. Sein forschender Blick irritiert mich, doch bald erkenne auch ich den Grund seiner Aufregung. Der Wagen ist weg.

Selten habe ich solche Gefühlsausbrüche erlebt. Wild gestikulierend kommt er auf mich zu und fragt, ob ich etwas gesehen habe. Ich verneine.

Die Frau vom Ordnungsamt tritt hinzu. Wahrscheinlich hat sie auf diesen Augenblick gewartet.

“Ihr Wagen wurde abgeschleppt. Sie können ihn bei dieser Adresse abholen.”

"Das ist ja unerhört", höre ich ihn schreien. "So eine Frechheit. Wie ist ihr Name? Ich werde mich beim Amt beschweren. Parkverbot, dass ich nicht lache”.

Seine Frau steht ungeduldig daneben.

“Was machen wir denn jetzt?” bringt sie hervor. “Ich will hier weg!”

Das will ich auch und trolle mich. Im Vorübergehen sehe ich ein Schild an der Stelle, wo einst der Wagen stand.

In roter Farbe steht dort auf weißem Grund: “Baustellenausfahrt. Falschparker werden kostenpflichtig abgeschleppt.”

Zugegeben. Das Schild ist nicht schön, aber es hält, was es verspricht!

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