Köln in schwarz weiß

Ein Mann mit Zeitung sitzt neben mir. Er liest, ich denke nach. Es ist zwölf Uhr mittags und der Heumarkt ist relativ gut besucht. Männer mit Akten, Frauen mit Handtaschen, Jugendliche mit Handys und überall Tauben, die nach Essbarem suchen.

“So ein Mist”, brüllt der Mann neben mir ohne ersichtlichen Grund.

“Dass darf doch nicht wahr sein”.

Ich bleibe unbeteiligt und sitze da. Doch immer wieder unterbrechen mich seine Äußerungen in meinen Gedankengängen.

“Wieso legen Sie die Zeitschrift nicht beiseite?” frage ich.

Er reagiert nicht, sondern scheint sich ganz im Gegenteil noch mehr in das Blatt und das Gelesene hineinzusteigern.

“Sowas habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Warum tut nicht endlich jemand etwas gegen diese Plage”.

Ich überlege, wie wahrscheinlich ein Herzinfarkt bei dauerhaftem Stress in den Mitvierzigern ist und komme zu der Überzeugung, mein Handy griffbereit zu halten.

Was kann einen Menschen nur so an einer Pressemitteilung aufregen!?

Unsere Bank steht zwischen Latino Loco und dem Cafe Rosenow. Ich stehe kurz davor uns einen Tee zu besorgen, um meinen Nachbarn etwas abzulenken. Da fällt mein Blick auf die Bronzetafel am Pfeiler zwischen den Gebäuden.

Neue

Rheinische Zeitung

Organ der Demokratie

HIER BEFAND SICH VOM 28. AUGUST 1848 BIS 29. MAI 1849 DIE REDAKTION DER “NEUEN RHEINISCHEN ZEITUNG”. UNTER LEITUNG VON KARL MARX WIRKTEN HEINRICH BÜRGERS, ERNST DRONKE, FRIEDRICH ENGELS, FERDINAND FREILIGRATH, GEORG WEERTH, FERDINAND WOLFF UND WILHELM WOLFF AN EINEM DER BEDEUTENDSTEN BLÄTTER DER DEMOKRATISCHEN BEWEGUNG IN DER REVOLUTION VON 1848/49.


Ich durchforste meine Gedanken und erinnere mich zumindest an ein paar Fakten über Karl Marx und Friedrich Engels. Rädelsführer der Revolution, die 1848/1849 in Köln gelebt haben. Ideale wie Gerechtigkeit den Armen, Macht dem Proletariat und Meinungsfreiheit dem Volk gehen mir durch den Kopf. Ich weiß, dass sich diese Herren gegen die preußischen Besetzer wendeten und für Gleichberechtigung eintraten, doch auch, dass ihre Revolution erfolglos blieb.


Heute im 21. Jahrhundert spricht keiner mehr von Revolution in Deutschland. Doch sind die damaligen Themen immer noch aktuell. Die Polarisierung des Volkes durch mangelnde Berichterstattung und die Abhängigkeit der Presse von Staat und Wirtschaft, bringt auch mich um den Verstand. Mitleidig blicke ich auf meinen Partner und weiß nun, was ihm nahe geht.

Endlich springt er auf und wirft das Blatt beiseite.

“Gut so!”, denke ich.

“Dreimal in Folge. Das geht auf keine Kuhhaut. Die Viecher sollte man allesamt verbrennen!” brüllt er noch im Fortgehen.

Ich blicke hinunter, auf die am Boden liegende Zeitung. Neben den Headlines und einer halbnackten Frau auf der Titelseite sehe ich drei riesige Flecken. Beim zweiten Blick erkenne ich, dass es sich um Taubenkacke handelt.

Der Wind weht die Zeitung samt Inhalt fort. Vorbei an denkenden Menschen und fressenden Tauben. Ich weiß, sie haben recht. Einfacher als die Tauben hätte es niemand ausdrücken können.  

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