Köln in grau

Grau ist der Tag, grau das Gebäude des Römisch-Germanischen-Museums, grau die Frau dort an der Ecke. Es muss am Nebel liegen.

Ich stehe vor der Auslage einer Buchhandlung am Roncalli-Platz. Beim Stöbern stoße ich auf das Buch "Die Kunst des Aufstiegs". Die Mutter mit Kind durchforstet systematisch eine der Boxen. Über Headset scheint sie ihrem Mann Anweisungen zu erteilen. Ihr Sohn, etwa fünf Jahre alt, pariert auf Blickkontakt wie ein Zinnsoldat.

Eine Mitvierzigern drückt sich energisch an uns vorbei. Im Stechschritt stöckelt Sie in den Laden. Mit präzisen Befehlen lässt Sie die Mitarbeiter tanzen und verlässt nur wenige Minuten später den Laden mit gefüllten Tüten.

Ein Mann steht verloren im Raum und schaut zaghaft umher. Auf ein schrilles Pfeifen hin setzt er sich in Bewegung. Ergeben sehe ich ihn, einer Frau folgend, um die Ecke biegen.

Mein Buch lege ich zurück und gehe. Noch völlig in Gedanken stoße ich mit jemandem zusammen. Noch etwas benommen ist Hotel Europa das erste, was ich sehe. Hotel Europa. War dies hier nicht vor über hundert Jahren der Salon des Cölner Frauenclubs? Ich bin mir nicht sicher. Ihm gehörten die Frauen der Kölner Oberschicht an: Deckmann, Oppenheim, Farina und Mathilde von Mevissen, die sich im Besonderen für eine Schul- und Universitätsbildung junger Frauen einsetzte. 

"Was fällt Ihnen ein. Haben sie keine Augen im Kopf"!

Ich spüre die Ohrfeige, noch ehe ich sie sehe. 

"Für Menschen wie Sie gibt es Irrenanstalten. Stehen Sie nicht so da! Helfen Sie mir doch meine Sachen aufzusameln!"

Die verstreuten Splitter meiner Seele ignorierend, sammle ich zwei Tragetaschen auf und reiche sie ihr. Schon rauscht sie an mir vorbei. Was bleibt, ist ihr Duft: Minze-Mandel, der so gar nicht zu ihrem Temperament zu passen scheint. 

Hotel Europa, die Kunst des Aufstiegs. Ich blicke zurück. Nebel deckt mich ein. 

Ich folge Minze und Mandel ins Ungewisse und frage mich, was geschehen ist. 

Ich fühle mich kraftlos und spüre zum ersten Mal das Verlangen, mein Leben in die Hände einer Frau zu legen. 

Der Nebel verzieht sich, doch der Tag, das Römisch-Germanische-Museum und die Frau, die immer noch an der Ecke steht, bleiben grau.

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